Europa riskiert, seinen frühen Vorsprung bei der Entwicklung künstlicher Zellen zu verspielen, warnt Marileen Dogterom, Professorin für Bionanowissenschaften an der TU Delft und Präsidentin der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften (KNAW). Im BNR-Podcast "De Technoloog" betonte sie, dass die Niederlande derzeit führend sind, aber ohne Brüsseler Engagement könnte Europa die Autonomie über eine revolutionäre Technologie verlieren.
Was sind künstliche Zellen?
Künstliche Zellen sind vereinfachte, zweckgebaute Versionen lebender Zellen, die aus biologischen Bausteinen konstruiert werden. Anders als natürliche Zellen sind sie für spezifische Aufgaben konzipiert. "Niemand versteht genau, wie eine lebende Zelle funktioniert", erklärt Marileen Dogterom. "Man kann ein Auto auseinandernehmen und wieder zusammensetzen, aber bei Zellen geht das nicht." Das Bauen von Zellen von Grund auf würde nicht nur fundamentale Fragen zum Leben beantworten, sondern auch mehr Kontrolle über ihre Funktionen ermöglichen. Künstliche Zellen könnten Toxine im Körper abbauen oder Plastik in der Umwelt zersetzen.
Warum Europas Vorsprung bedroht ist
Die Niederlande haben mit dem BaSyC (Building a Synthetic Cell) Konsortium internationale Anerkennung erlangt. Was fehlt, ist ein europäischer Rahmen. "Die Wissenschaftsgemeinschaft ist sehr interessiert. Ein Durchbruch steht bevor, dann kann es schnell gehen", so Dogterom. Ohne Koordination könnte Europa die Bedingungen nicht mitbestimmen: "Wir wollen keine Situation, in der teure Medikamente nur einer kleinen Gruppe zur Verfügung stehen."
Geopolitik der synthetischen Biologie
Die Konkurrenz aus den USA und China wächst. In den USA wurde bereits die "SpudCell" entwickelt, eine synthetische Zelle, die sich über fünf Generationen repliziert. China richtete 2024 den SynCell Global Summit aus. Europa hingegen ist fast vollständig auf öffentliche Mittel angewiesen. Der nächste langfristige EU-Haushalt (2028–2034) bietet eine Chance: Die Kommission schlägt eine Verdopplung des Horizon-Europe-Budgets auf 175 Milliarden Euro vor, doch die Priorisierung synthetischer Zellforschung ist ungewiss.
Anwendungen mit gesellschaftlichem Potenzial
Künstliche Zellen könnten:
- Preiswerte, zielgerichtete Medikamente produzieren
- Toxine im Körper erkennen und neutralisieren
- Mikroplastik abbauen
- Nachhaltig Chemikalien und Materialien herstellen
- Als lebende Sensoren dienen
Europas Stärke liegt in der kooperativen Forschung, aber dieser Vorteil ist vergänglich. Die European Synthetic Cell Initiative (SynCellEU) arbeitet an der Koordination, braucht aber politische und finanzielle Unterstützung aus Brüssel.
Häufig gestellte Fragen
Was ist eine synthetische Zelle?
Ein künstliches Konstrukt aus molekularen Komponenten, das wesentliche Zellfunktionen nachahmt und für Aufgaben wie Medikamentenabgabe oder Umweltsanierung entworfen wird.
Warum gilt Europa als führend in der Forschung zu künstlichen Zellen?
Durch frühe und kontinuierliche Investitionen, insbesondere in den Niederlanden mit Programmen wie BaSyC und der European Synthetic Cell Initiative.
Wie könnten künstliche Zellen in der Medizin eingesetzt werden?
Sie könnten therapeutische Moleküle im Körper produzieren, Krebszellen angreifen oder Giftstoffe abbauen.
Was bremst die Entwicklung künstlicher Zellen?
Das fundamentale Verständnis: Wie natürliche Zellen tausende Prozesse koordinieren, ist noch nicht vollständig geklärt. Es bedarf langfristiger Förderung.
Was kann die EU tun, um Europas Führung zu erhalten?
Dogterom fordert zweckgebundene Mittel im EU-Haushalt 2028–2034, bessere Koordination nationaler Anstrengungen und eine strategische Vision für öffentliche Zugänglichkeit.
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