Schweden plant umstrittene Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters auf 13

Schweden plant, das Strafmündigkeitsalter von 15 auf 13 Jahre für schwere Verbrechen zu senken, um Banden entgegenzuwirken, die Kinder ausnutzen. Der Plan stößt auf Kritik von Kinderrechtsorganisationen.

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Schwedens umstrittener Plan: 13-Jährige für schwere Verbrechen verfolgen

In einer drastischen Änderung des Jugendstrafrechts hat die schwedische Regierung vorgeschlagen, das Alter der strafrechtlichen Verantwortlichkeit für schwere Verbrechen wie Mord, versuchten Mord, schwere Bombenanschläge, Waffendelikte und schwere Vergewaltigung von 15 auf 13 Jahre zu senken. Justizminister Gunnar Strömmer beschrieb die Situation als eine 'Notlage', die dringendes Handeln erfordert.

Das wachsende Problem der Kinderrekrutierung

Kriminelle Banden in Schweden rekrutieren systematisch Kinder ab 10-12 Jahren, um gewalttätige Straftaten zu begehen, wohlwissend, dass sie minimale rechtliche Konsequenzen riskieren. Laut einem Bericht von Humanium aus dem Jahr 2024 wurden etwa 1.700 Kinder unter 18 Jahren als aktive Mitglieder krimineller Netzwerke identifiziert, was 13% der organisierten Kriminalitätsakteure Schwedens ausmacht.

Das Problem hat alarmierende Ausmaße angenommen. Daten des Nationalen Rates für Kriminalprävention zeigen, dass Straftaten, an denen Verdächtige unter 15 Jahren beteiligt sind, sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt haben. Allein im Jahr 2024 standen 176 Kinder unter 15 im Verdacht des Mordes, versuchten Mordes oder der Beihilfe – ein dramatischer Anstieg gegenüber 53 Fällen im Vorjahr.

Wesentliche Bestimmungen des Gesetzentwurfs

Der umfassende Entwurf, der dem Parlament am 26. Januar 2026 vorgelegt wurde, umfasst mehrere wichtige Änderungen:

  • Senkung des Strafmündigkeitsalters von 15 auf 13 Jahre für Verbrechen mit Mindeststrafen von vier Jahren
  • Abschaffung der Strafminderung für 15- bis 18-Jährige
  • Behandlung von 17- und 18-Jährigen als Erwachsene für die Strafzumessung
  • Erhöhung der maximalen Jugendgefängnisstrafen von 14 auf 18 Jahre
  • Abschaffung der Jugendhilfe für Erwachsene außer in Ausnahmefällen

Minister Strömmer betonte, dass die Änderungen nur die schwersten Verbrechen betreffen. 'Dies ist keine allgemeine Senkung des Strafmündigkeitsalters,' erklärte er. 'Wir zielen speziell auf Situationen ab, in denen kriminelle Netzwerke Kinder ausnutzen, um die gewalttätigsten Verbrechen zu begehen.'

Starker Widerstand von Kinderrechtsorganisationen

Der Vorschlag hat umgehend Kritik von mehreren Organisationen hervorgerufen. UNICEF Schweden hat ernste Bedenken hinsichtlich der Verletzung von Kinderrechten geäußert. Die schwedische Polizei warnte, dass eine Senkung des Alters dazu führen könnte, dass 'erheblich jüngere Kinder' in kriminelle Netzwerke gezogen werden.

Die Sozialwissenschaftlerin Anna Karlsson sagte gegenüber SVT: 'Die verfügbaren Studien auf diesem Gebiet sind eindeutig. Das einzig Vernünftige ist, dass die Kinder Fürsorge erhalten und nicht bestraft werden.'

Gefängnispersonal und Staatsanwälte haben ebenfalls Bedenken geäußert, dass das schwedische Gefängnissystem nicht darauf ausgelegt ist, so junge Inhaftierte aufzunehmen. Viele argumentieren, dass Gefängnisstrafen Kinderrechte verletzen und Kinder möglicherweise weiteren kriminellen Einflüssen aussetzen könnten.

Das 'Kindersoldaten'-Phänomen

Schwedens Bandengewaltproblem hat sich zu dem entwickelt, was Behörden als eine 'Kindersoldaten'-Krise beschreiben. Kriminelle Netzwerke nutzen Social-Media-Plattformen und verschlüsselte Messenger-Apps, um Kinder zu rekrutieren und ihnen gewalttätige Aufgaben zuzuweisen. Wie von Al Jazeera berichtet, operieren Banden nach einem kalkulierten Geschäftsmodell, das den rechtlichen Schutz für Minderjährige ausnutzt.

Minister Strömmer räumte die Kritik ein, betonte aber die Dringlichkeit der Situation: 'Das sind Bedenken, die wir sehr ernst nehmen. Aber nach unserer gemeinsamen Einschätzung sind die Risiken, das derzeitige System fortzusetzen, sogar noch größer.'

Nächste Schritte und Zeitplan für die Umsetzung

Der Vorschlag wurde dem Schwedischen Gesetzgebungsrat zur Prüfung der rechtlichen Machbarkeit vorgelegt. Nach deren Stellungnahme wird der Gesetzentwurf dem Parlament vorgelegt. Bei Annahme könnte das Gesetz bereits im Sommer 2026 in Kraft treten, zunächst als vorübergehende Maßnahme für fünf Jahre.

Dieser umstrittene Schritt erfolgt, während Schweden mit einer der höchsten Raten tödlicher Schusswaffengewalt in Europa kämpft, wobei fast tägliche Bandenangriffe in Gemeinden in Stockholm, Göteborg und Uppsala Angst verbreiten. Der Ansatz der Regierung stellt eine grundlegende Verschiebung von einem rehabilitationsorientierten Jugendstrafrecht hin zu einem stärker strafenden Modell für schwere Verbrechen dar.

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