Historische Abstimmung setzt Maßstab für europäischen Umgang mit sozialen Medien
In einer bahnbrechenden Entscheidung, die das digitale Leben der Jugend in Europa neu gestalten könnte, hat die französische Nationalversammlung mit überwältigender Mehrheit für ein Verbot sozialer Medien für Kinder unter 15 Jahren gestimmt. Die Gesetzgebung, die mit 116 Ja-Stimmen und nur 23 Nein-Stimmen angenommen wurde, stellt eine der weitreichendsten staatlichen Eingriffe in das digitale Jugendleben der westlichen Welt dar.
Der Gesetzentwurf, vorgeschlagen von der Zentrumspolitikerin Laure Miller aus der Partei Renaissance von Präsident Emmanuel Macron, geht nun an den französischen Senat zur endgültigen Genehmigung Mitte Februar. Wenn er, wie erwartet, angenommen wird, tritt das Verbot zu Beginn des nächsten Schuljahres im September 2026 in Kraft.
Schutz junger Geister vor digitalen Schäden
Während der emotionalen parlamentarischen Debatte nannte Miller die Namen junger Mädchen, die sich nach Beeinflussung durch soziale Medien das Leben genommen hatten. 'Unsere Kinder lesen weniger, bewegen sich weniger, schlafen weniger und vergleichen sich ständig mit anderen,' sagte sie der Versammlung und betonte, was sie die 'klare und einfache Wahrheit' nannte: 'Soziale Netzwerke sind schädlich.'
Präsident Macron hat sein volles Gewicht hinter die Gesetzgebung gestellt und erklärte in einer aktuellen Videobotschaft: 'Die Emotionen unserer Kinder und Jugendlichen sind nicht käuflich und dürfen weder von amerikanischen Plattformen noch von chinesischen Algorithmen manipuliert werden.'
Das französische Bildungsministerium hat das Alter von 15 Jahren als kritische Schwelle identifiziert, die mit dem Übergang von der Sekundarstufe I (Collège) zur Sekundarstufe II (Lycée) zusammenfällt. Die Gesetzgebung würde auch bestehende Smartphone-Verbote an Mittelschulen auf alle weiterführenden Schulen des Landes ausweiten.
Weltweiter Trend zu digitalem Schutz
Frankreich folgt Australien, das im Dezember 2025 ein ähnliches Verbot für Kinder unter 16 Jahren umgesetzt hat. Australische Behörden haben bereits fast 5 Millionen Social-Media-Konten minderjähriger Nutzer gelöscht, wobei Plattformen wie Instagram, Facebook, TikTok und Snapchat Millionenstrafen für Nichteinhaltung riskieren.
Die Bewegung gewinnt in ganz Europa an Dynamik. Dänemark hat angekündigt, in diesem Jahr ein Verbot für Kinder unter 15 Jahren umzusetzen, während Norwegen, Griechenland, das Vereinigte Königreich und Malaysia alle ähnliche Maßnahmen erwägen. Die Europäische Kommission prüft auch mögliche EU-weite Regelungen.
In den Niederlanden riet die Regierung im vergangenen Jahr von der Nutzung sozialer Medien für Kinder unter 15 Jahren ab und empfahl, den Besitz von Smartphones bis zur weiterführenden Schule hinauszuzögern, obwohl noch keine bindende Gesetzgebung eingeführt wurde.
Umsetzungsherausforderungen und Kritik
Trotz breiter politischer Unterstützung bleiben wichtige Fragen zur Durchsetzung. Die linke Partei La France Insoumise äußerte Skepsis hinsichtlich der Machbarkeit des Verbots und wies darauf hin, dass technisch versierte Jugendliche Altersbeschränkungen leicht umgehen könnten.
Die Frankreich-Korrespondentin Saskia Houttuin bemerkte: 'Obwohl die erste Hürde der Gesetzgebung wahrscheinlich genommen wird, ist die größere Frage, wie ein solches Verbot durchgesetzt werden kann. Wie können wir verhindern, dass Jugendliche Altersgrenzen umgehen? Und inwieweit kann Frankreich die Zusammenarbeit von Social-Media-Unternehmen erzwingen?'
Die Gesetzgebung legt nicht fest, welche Plattformen verboten würden, würde aber Social-Media-Unternehmen verpflichten, robuste Altersverifizierungssysteme einzuführen. In Betracht gezogene Methoden sind ID-Verifizierungen ähnlich denen für Erwachsenen-Websites oder KI-basierte Altersschätzungstechnologien.
Forschung untermauert wachsende Bedenken
Der Schritt erfolgt vor dem Hintergrund zunehmender wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Auswirkungen sozialer Medien auf sich entwickelnde Gehirne. Laut der Forschungszusammenfassung von Wikipedia wird übermäßige Nutzung sozialer Medien mit einer verringerten grauen Substanz in Hirnregionen in Verbindung gebracht, die für Aufmerksamkeit und Impulskontrolle verantwortlich sind. Studien zeigen durchgängig Zusammenhänge zwischen intensiver Social-Media-Nutzung und erhöhten Raten von Angstzuständen, Depressionen, Schlafstörungen und Essstörungen bei Jugendlichen.
Während Frankreich sich an die Spitze des digitalen Kinderschutzes stellt, beobachtet die Welt, ob dieses mutige Experiment in der digitalen Regulierung erfolgreich gesündere Jugendjahre schaffen oder auf unüberwindbare Umsetzungsherausforderungen in unserer zunehmend vernetzten Welt stoßen wird.
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