Der Niedergang des Dollar-Dominanz: Ein historischer Meilenstein
Zum ersten Mal seit 1995 ist der Anteil des US-Dollars an den globalen Devisenreserven unter 57% gefallen und lag im 4. Quartal 2025 bei 56,77%, wie aus den COFER-Daten des IWF hervorgeht. Dies markiert einen stetigen Rückgang von 71% im Jahr 1999 und signalisiert, was Analysten als langsame Erosion des Petrodollar-Systems bezeichnen. Inzwischen wickeln die BRICS+-Staaten rund 67% ihres Intrablock-Handels in lokalen Währungen ab, gegenüber unter 30% vor einem Jahrzehnt. Die Frage ist nicht mehr, ob eine Entdollarisierung stattfindet, sondern wie tief und schnell der strukturelle Wandel gehen wird.
Das Petrodollar-System, geboren aus einem US-saudischen Abkommen von 1974, Öl ausschließlich in Dollar zu handeln, hat die amerikanische Finanzhegemonie fünf Jahrzehnte lang gestützt. Doch dieses Fundament bröckelt. Der Anteil der USD-basierten Ölgeschäfte soll von 86% im Jahr 2022 auf rund 72% im Jahr 2026 fallen, da Saudi-Arabien bereits 2024 Ölzahlungen in anderen Währungen zuließ und Chinas Yuan-abgewickelte Rohölimporte steigen. Das Petrodollar-System löst sich sichtbar auf.
Warum die Entdollarisierung beschleunigt wird
Der Weckruf der Sanktionen
Der Wendepunkt kam 2022, als westliche Sanktionen rund 300 Milliarden Dollar an russischen Zentralbankreserven in Dollar und Euro einfroren. Diese Waffenstillisierung des Finanzsystems erschütterte die globalen Zentralbanken, insbesondere im Globalen Süden. Die Botschaft war klar: Dollar-denominierte Vermögenswerte sind nicht sicher vor politischer Beschlagnahme. Seitdem haben die Zentralbanken die aggressivste Goldkaufwelle der modernen Geschichte gestartet.
Rekord-Goldkäufe signalisieren eine neue Reservestrategie
Die Zentralbanken kauften 2025 über 1.100 Tonnen Gold, das dritte Jahr in Folge über 1.000 Tonnen. Der World Gold Council berichtet, dass souveräne Käufer – angeführt von China (geschätzt 290 Tonnen), Polen (102 Tonnen), Indien (82 Tonnen) und der Türkei (74 Tonnen) – Gold als geopolitische Absicherung nutzen. Die BRICS+-Staaten halten nun über 6.000 Tonnen Gold, was etwa 17,4% der globalen Zentralbankreserven ausmacht, gegenüber 11,2% im Jahr 2019. Diese strukturelle Nachfrage hat ein Preisniveau von etwa 4.500–4.600 Dollar pro Unze geschaffen. Der Trend zu Zentralbank-Goldkäufen zeigt keine Anzeichen eines Nachlassens.
US-Haushaltsverschlechterung
Auch die eigenen Haushaltsprobleme der USA sind besorgniserregend. Das US-Schulden-BIP-Verhältnis überstieg 2025 die 125%-Marke und erreichte 2026 rund 134%, bei einer Gesamtverschuldung von über 39 Billionen Dollar. Das Congressional Budget Office prognostiziert anhaltende Defizite, was Zweifel an der langfristigen Stabilität des Dollars aufkommen lässt. Wie ein Notenbanker eines Schwellenlandes der Financial Times sagte: 'Warum sollten wir mehr Dollar halten, wenn die größte Volkswirtschaft der Welt ihren Haushalt nicht ausgleichen kann?'
BRICS+ baut eine parallele Finanzarchitektur auf
Lokaler Währungshandel boomt
Die BRICS+-Staaten – mittlerweile elf Vollmitglieder, darunter Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika, Ägypten, Äthiopien, Iran, Saudi-Arabien, die VAE und Indonesien – haben ihre bilateralen Währungsswap-Vereinbarungen massiv ausgeweitet. Der direkte chinesisch-russische Yuan-Rubel-Handel senkte die Transaktionskosten um 2-3%, während der China-Brasilien-Swap 30% des bilateralen Handels abdeckt. Der lokale Währungshandel innerhalb des Blocks erreichte Anfang 2026 67%, gegenüber rund 30% im Jahr 2015. Dies stellt eine grundlegende Verschiebung der globalen Handelsabwicklung dar.
BRICS Pay und mBridge: SWIFT-Alternativen werden aktiv
Unter Indiens Vorsitz von 2026 startete der BRICS-Block mBridge, ein auf CBDC basierendes Zahlungssystem, das SWIFT vollständig umgehen soll. Bis Mai 2026 verarbeitete mBridge über 55 Milliarden Dollar an Transaktionen, davon 95% in digitalen Yuan. Gleichzeitig wird BRICS Pay als Einzelhandelszahlungsplattform entwickelt, die mit den CBDCs der Mitgliedsstaaten interoperabel sein soll. Diese Systeme repräsentieren das BRICS-CBDC-Zahlungsnetzwerk, das das Dollar-Monopol im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr herausfordern könnte.
Auswirkungen auf die globale Finanzordnung
Ein multipolares Reservesystem entsteht
Der Anteil des Dollars an den globalen Reserven sinkt, wird aber nicht durch eine einzelne Währung ersetzt. Stattdessen entsteht ein fragmentiertes, multipolares System. Der Euro hält sich stabil bei etwa 20%, während 'andere' Währungen – darunter der australische, kanadische Dollar und kleinere Schwellenländerwährungen – von 1,7% der Reserven im Jahr 2000 auf heute etwa 10% gestiegen sind. Der chinesische Renminbi stagniert aufgrund von Kapitalkontrollen und begrenzter Konvertibilität trotz Chinas Wirtschaftsstärke bei etwa 2%.
Diese Diversifizierung ist ein zweischneidiges Schwert. Für die USA bedeuten ein geringerer Dollar-Status höhere Kreditkosten und einen Verlust des 'exorbitanten Privilegs'. Für die Weltwirtschaft könnte ein fragmentiertes System die Transaktionskosten erhöhen und die Stabilität verringern, die ein einzelner dominanter Reservewert bietet. Das multipolare Reservesystem ist sowohl Chance als auch Risiko.
Expertenmeinungen
Der Ökonom Eswar Prasad von der Cornell University bemerkt: 'Wir erleben eine langsame Neujustierung, keinen plötzlichen Zusammenbruch. Der Dollar bleibt noch Jahrzehnte dominant, aber sein Monopol ist vorbei. Zentralbanken sichern sich ab.' Der frühere IWF-Beamte Mark Sobel warnt: 'Die BRICS-Initiativen sind eher symbolisch als substanziell. Das Volumen von mBridge ist winzig im Vergleich zu den 150 Billionen Dollar jährlicher SWIFT-Ströme. Die Entdollarisierungs-Rhetorik übersteigt die Realität bei weitem.'
Dennoch ist der Trend klar. BRICS+-Staaten repräsentieren über 31,5% des globalen BIP und 45% der Weltbevölkerung. Ihr kollektiver Drang nach finanzieller Souveränität, kombiniert mit der US-Haushaltsverschlechterung und der Waffenstillisierung des Dollar-Systems, deutet darauf hin, dass die Petrodollar-Ära in ihre Dämmerung eintritt – auch wenn die Sonne noch viele Jahre nicht untergehen wird.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das Petrodollar-System?
Das 1974 etablierte Petrodollar-System ist eine Vereinbarung, bei der Ölexporteure Rohöl ausschließlich in US-Dollar bepreisen und verkaufen, mit überschüssigen Einnahmen, die in US-Staatsanleihen reinvestiert werden. Dies schuf eine ständige Nachfrage nach Dollar und erlaubte den USA billige Kredite.
Verliert der US-Dollar seinen Status als Reservewährung?
Der Dollar verliert Anteile, bleibt aber dominant. Sein Anteil an den globalen Reserven fiel von 71% im Jahr 1999 auf 56,77% im 4. Quartal 2025. Allerdings hat ihn keine einzelne Währung ersetzt; stattdessen diversifizieren die Zentralbanken in Gold, Euro und kleinere Währungen.
Was ist BRICS Pay?
BRICS Pay ist eine vorgeschlagene digitale Zahlungsplattform zur Erleichterung grenzüberschreitender Transaktionen in lokalen Währungen der Mitgliedsländer, um die Abhängigkeit von SWIFT und dem US-Dollar zu verringern. Sie soll mit nationalen CBDCs interoperabel sein.
Wie viel Gold haben BRICS-Staaten gekauft?
BRICS+-Staaten halten über 6.000 Tonnen Gold, etwa 17,4% der globalen Zentralbankreserven. Allein 2025 kauften Zentralbanken über 1.100 Tonnen, angeführt von China, Polen und Indien.
Wird der Dollar zusammenbrechen?
Die meisten Ökonomen halten einen plötzlichen Zusammenbruch für unwahrscheinlich. Der Dollar bleibt die weltweit wichtigste Reservewährung mit tiefen und liquiden Märkten. Seine allmähliche Erosion ist jedoch strukturell bedingt durch US-Haushaltsungleichgewichte, Sanktionspolitik und den Aufstieg alternativer Zahlungssysteme.
Fazit: Eine langsame Neujustierung, keine Revolution
Das Petrodollar-System erodiert, aber der Übergang zu einem multipolaren Reservesystem wird Jahrzehnte dauern. Die USA behalten Vorteile in Rechtsstaatlichkeit, Markttiefe und Netzwerkeffekten. Doch die Richtung ist unverkennbar: Zentralbanken diversifizieren, BRICS+ baut Alternativen auf, und das Dollar-Monopol ist gebrochen. Für Anleger und politische Entscheidungsträger ist die wichtigste Erkenntnis, dass die globale Finanzordnung fragmentierter, komplexer und weniger vorhersagbar wird.
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