Nissan Dieselgate: Abgasmanipulation mit Abschalteinrichtung

Nissan nutzte illegale Abschalteinrichtung in Diesel-Navara-Pick-ups (2016-2019). KBA verhängte keine Strafe trotz möglicher 2,3 Mrd. €. Sammelklage in UK mit 1,6 Mio. Klägern läuft.

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Nissan Abgasbetrug: Ein neues Kapitel im Dieselgate-Skandal

Nissan wurde dabei ertappt, eine illegale Abschalteinrichtung zu verwenden, um die wahren Emissionen seiner Dieselfahrzeuge zu verschleiern. Dies geht aus einem bisher unveröffentlichten Schreiben des deutschen Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) hervor, das von der Investigativplattform Follow the Money veröffentlicht wurde. Der japanische Hersteller reiht sich in die lange Liste der im Dieselskandal implizierten Unternehmen ein und installierte Manipulationssoftware in Nissan Navara Pick-ups, die zwischen 2016 und 2019 in Europa verkauft wurden – Jahre nach VWs berüchtigtem Dieselgeständnis 2015.

Das KBA stellte 2023 fest, dass die Software nach EU-Recht ein „unzulässiges Manipulationsinstrument“ darstellte. Anders als Volkswagen, das mit Milliardenstrafen belegt wurde, erhielt Nissan keine finanzielle Strafe. Die deutsche Behörde verlangte lediglich ein Software-Update – eine Entscheidung, die von Transparenzaktivisten scharf kritisiert wird.

Was ist eine Abschalteinrichtung und wie nutzte Nissan sie?

Eine Abschalteinrichtung ist eine Software, die erkennt, wenn ein Fahrzeug offiziellen Abgastests unterzogen wird. Während des Tests läuft der Motor in einem „sauberen“ Modus, der die gesetzlichen Grenzwerte einhält. Im realen Fahrbetrieb deaktiviert die Software die Abgasreinigung oder reduziert sie, sodass der Stickoxidausstoß (NOx) weit über die zulässigen Werte steigt.

Bei Nissan war die Abschalteinrichtung in Dieselvarianten des Navara verbaut. Das KBA-Schreiben von 2023 bezeichnete die Software als „unzulässige Abschalteinrichtung“ gemäß EU-Verordnung 715/2007. Die betroffenen Fahrzeuge wurden zwischen 2016 und 2019 produziert. Weltweit wurden schätzungsweise 77.209 Fahrzeuge mit der illegalen Software ausgestattet, darunter über 300 Einheiten in den Niederlanden.

Warum wurde Nissan nicht bestraft?

Trotz klarer Beweise für einen Verstoß verhängte das KBA kein Bußgeld gegen Nissan. Stattdessen wurde der Hersteller zu einem Rückruf und einem Software-Update verpflichtet. Nach EU-Recht hätte die Europäische Kommission Bußgelder von bis zu 30.000 Euro pro Fahrzeug verhängen können – insgesamt über 2,3 Milliarden Euro für die 77.209 betroffenen Autos. Die Kommission sah jedoch den Rückruf als ausreichend an und ergriff keine weiteren Maßnahmen.

Der Investigativjournalist Peter Teffer sagte gegenüber BNR Nieuwsradio: „Das KBA stellte ein unzulässiges Manipulationsinstrument fest. Das ist im rechtlichen Kontext des EU-Rechts eine klare Sprache. In der Praxis kam Nissan jedoch glimpflich davon.“

Die Dieselgate-Zeitleiste zeigt ein Muster, bei dem Hersteller oft harte Strafen vermeiden, wenn Aufsichtsbehörden Rückrufe priorisieren.

Informationsdefizite: Ein wiederkehrendes Problem

Die Behandlung des Nissan-Falls durch das KBA wirft ernste Fragen zur Transparenz zwischen EU-Mitgliedstaaten auf. Laut Follow the Money informierte die deutsche Behörde die EU-Kommission über eine „Nichtkonformität“, ohne zu spezifizieren, dass es sich um illegale Abschalteinrichtungen handelte. Infolgedessen wurden die nationalen Aufsichtsbehörden in den Niederlanden (RDW) und Schweden im Dunkeln gelassen.

Teffer ergänzte: „Das KBA hat den Ruf, Informationen schlecht mit anderen Mitgliedstaaten zu teilen. Das ist nicht das, was den Bürgern nach Dieselgate versprochen wurde.“

Die niederländische RDW teilte FTM mit, dass sie keine Kenntnis von der Manipulationssoftware hatte. Betroffene Nissan-Besitzer wurden zu einem Software-Update eingeladen, aber nicht darüber informiert, dass der Rückruf auf illegalen Abgasbetrug zurückzuführen war. Diese EU-Abgastestvorschriften Lücke verdeutlicht anhaltende Durchsetzungsschwächen Jahre nach dem ursprünglichen Skandal.

Rechtliche Folgen: Sammelklage in Großbritannien droht

Die Enthüllungen zur Nissan-Abschalteinrichtung kommen im Rahmen einer massiven laufenden Sammelklage vor dem britischen High Court. Über 1,6 Millionen Kläger haben sich einer Gruppenklage gegen 14 Autohersteller angeschlossen, darunter Nissan, Mercedes-Benz, Ford, Renault, Peugeot und Citroën. Der Prozess begann im Oktober 2025 und ist die größte Massenklage in der englischen Rechtsgeschichte mit einem potenziellen Schadensersatz von schätzungsweise 6 Milliarden Pfund (7,97 Milliarden US-Dollar).

Die britische Diesel-Sammelklage wird als richtungsweisend für ähnliche Klagen in ganz Europa beobachtet. Ein Urteil wird nicht vor Sommer 2026 erwartet.

Auswirkungen auf Verbraucher und Umwelt

Übermäßige NOx-Emissionen von Dieselfahrzeugen mit Abschalteinrichtungen werden mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen in Verbindung gebracht. Eine Studie des Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) schätzt, dass diese übermäßigen Emissionen zu rund 16.000 vorzeitigen Todesfällen, 30.000 Asthmafällen bei Kindern und wirtschaftlichen Kosten von 96 Milliarden Pfund allein in Großbritannien beigetragen haben.

Der Einsatz von Abschalteinrichtungen durch Nissan untergräbt das Verbrauchervertrauen und wirft Fragen zur Wirksamkeit der Reformen nach Dieselgate auf. Das 2017 eingeführte Worldwide Harmonized Light Vehicles Test Procedure (WLTP) soll die realen Fahrbedingungen besser abbilden, aber Kritiker argumentieren, dass die Durchsetzung in den Mitgliedstaaten weiterhin inkonsistent ist.

FAQ: Nissan-Abschalteinrichtung-Skandal

Was ist eine Abschalteinrichtung?

Eine Abschalteinrichtung ist Software, die erkennt, wenn ein Fahrzeug einen offiziellen Abgastest durchläuft, und die Motorleistung anpasst, um während des Tests niedrigere Emissionen zu erzeugen. Im realen Fahrbetrieb sind die Emissionen deutlich höher.

Welche Nissan-Modelle sind betroffen?

Die Abschalteinrichtung wurde in Dieselvarianten des Nissan Navara Pick-up verbaut, hergestellt zwischen 2016 und 2019.

Wie viele Fahrzeuge sind betroffen?

Weltweit etwa 77.209 Fahrzeuge, darunter über 300 in den Niederlanden. Etwa 70 Fahrzeuge in den Niederlanden haben noch kein Software-Update erhalten.

Hat Nissan eine Strafe gezahlt?

Nein. Das KBA verlangte lediglich ein Software-Update. Es wurde keine finanzielle Strafe verhängt, obwohl mögliche EU-Strafen bis zu 2,3 Milliarden Euro betragen hätten.

Können Nissan-Besitzer Schadensersatz fordern?

Ja. In Großbritannien haben sich über 1,6 Millionen Kläger einer Sammelklage angeschlossen. Besitzer in anderen EU-Ländern haben möglicherweise auch rechtliche Möglichkeiten durch nationale Verbraucherschutzgesetze.

Quellen

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