Die türkischen Behörden haben eine weitreichende Razzia durchgeführt und mindestens 47 Menschen in 12 Provinzen am Wochenende des 13. September 2026 festgenommen. Die koordinierte Polizeiaktion mit dem offiziellen Namen 'Meine Familie ist sicher' richtete sich gegen sechs Büros von LGBTQ+-Verbänden und wurde vom Justizministerium als Teil der Initiative 'Jahrzehnt der Familie und der Bevölkerung' von Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnet.
Was geschah bei den Türkei-LGBT-Razzien?
Am 13. September 2026 durchsuchten Polizeikräfte in Istanbul, Ankara, Izmir und Antalya sechs Büros von LGBTQ+-Verbänden. Der Istanbuler Generalstaatsanwalt erklärte, die Operationen in 12 Provinzen richteten sich gegen 38 Verdächtige, von denen 26 festgenommen wurden. In Ankara wurden weitere 21 Personen im Rahmen einer Untersuchung gegen die Gruppe Kaos GL festgenommen, fünf Verdächtige werden noch gesucht.
Kaos GL, eine der ältesten LGBTQ+-Organisationen der Türkei, berichtete von mindestens 50 festgenommenen Aktivistinnen und Aktivisten, mehr als zehn davon in ihren Wohnungen. Die Behörden beschlagnahmten Drogen, digitale Geräte, geschmuggelten Alkohol und eine Schusswaffe. Justizminister Akin Gurlek sagte, die Verfahren beträfen 162 Verdächtige, neun Vereine und 13 Unternehmen in 15 Provinzen. Zudem wurden Dutzende Websites und Social-Media-Konten der Community gesperrt.
Warum geht die türkische Regierung gegen LGBTQ+-Organisationen vor?
Die Razzien werden als Teil von Erdogans Initiative 'Jahrzehnt der Familie und der Bevölkerung' dargestellt, die die sinkende Geburtenrate umkehren und 'Kinder, die Institution der Familie und die soziale Ordnung schützen' soll. Minister Gurlek erklärte, die Ermittlungen richteten sich gegen Personen, die Prostitution ermöglichten, Orte dafür bereitstellten oder 'Minderjährige in Bezug auf sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität beeinflussten'.
Die Staatsanwaltschaft kündigte zudem Ermittlungen gegen Spender der betroffenen Organisationen an; große Summen seien von ausländischen öffentlichen Einrichtungen überwiesen worden. Diese Finanzprüfung reiht sich in eine breitere Erdogan-Familienwertepolitik ein, die LGBTQ+-Aktivismus zunehmend als ausländisch gesteuerte Bedrohung darstellt.
Reaktionen und Menschenrechtsbedenken
Die türkische Menschenrechtsvereinigung (IHD) bezeichnete die Aktion auf X als staatlich gelenkte Diskriminierung und 'Politik der Angst'. Der Türkei-Berichterstatter des Europäischen Parlaments verurteilte die Festnahmen als Repression und Verletzung von Grundrechten. Die EU-Beitrittsgespräche stocken seit Jahren wegen der demokratischen Rückschritte Ankaras.
Kaos GL nannte die Razzien einen Versuch, die queere Community zum Schweigen zu bringen. 'Das sind keine rechtlichen Ermittlungen, sondern eine politische Hexenjagd', sagte ein Sprecher. Menschenrechtsgruppen weisen darauf hin, dass Homosexualität in der Türkei zwar nicht unter Strafe steht, die Community aber zunehmender Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt ist.
Von Pride zur Verfolgung
Die Entwicklung ist dramatisch: Anfang der 2000er Jahre gab es in Istanbul Pride-Märsche – die Türkei war das erste mehrheitlich muslimische Land mit einer solchen Veranstaltung. 2013 nahmen schätzungsweise 100.000 Menschen teil. Seit 2015 werden die Märsche verboten und regelmäßig mit Festnahmen aufgelöst.
Erdogan sagte: 'Wir werden nicht zulassen, dass perverse Strömungen wie LGBT unserem Volk aufgezwungen werden.' Menschenrechtsorganisationen dokumentieren zunehmende Hassrede und Gewalt gegen die queere Community. Die Razzien dieses Wochenendes markieren eine Eskalation: von Straßenaktionen hin zu Durchsuchungen legal registrierter zivilgesellschaftlicher Organisationen – Teil eines breiteren Rückschritts für LGBTQ+-Rechte in Europa.
Häufig gestellte Fragen
Wie viele Menschen wurden bei den Türkei-LGBT-Razzien festgenommen?
Offiziellen Angaben zufolge 47 Personen, Kaos GL spricht von mindestens 50. Gegen 162 Verdächtige wurden Verfahren eingeleitet.
Was ist die Operation 'Meine Familie ist sicher'?
So nennt die Regierung die Razzien gegen LGBTQ+-Organisationen. Sie ist Teil von Erdogans Initiative 'Jahrzehnt der Familie und der Bevölkerung'.
Ist Homosexualität in der Türkei illegal?
Nein, sie ist nicht strafbar. Dennoch sind LGBTQ+-Personen Diskriminierung ausgesetzt, Pride-Märsche sind seit 2015 verboten, und Organisationen werden zunehmend ins Visier genommen.
Warum wurde Kaos GL ins Visier genommen?
Die Staatsanwaltschaft wirft der Gruppe Prostitution, Obszönität und die Beeinflussung Minderjähriger vor – Vorwürfe, die die Organisation zurückweist. Auch gegen Spender wird ermittelt.
Wie reagiert die internationale Gemeinschaft?
Der Türkei-Berichterstatter des Europäischen Parlaments und Menschenrechtsgruppen verurteilten die Festnahmen als staatliche Repression und Grundrechtsverletzung.
Follow Discussion