Wie steht es um die transatlantische Allianz unter Trump?
Das Bündnis zwischen Europa und den USA, das nach dem Zweiten Weltkrieg geschmiedet wurde, ist zerbrochen. Das ist die deutliche Warnung des früheren US-Botschafters bei der NATO, Ivo Daalder, in einem exklusiven Interview mit BNR. Laut Daalder ist die Trump-Regierung keine funktionierende Regierung, sondern eine Ein-Mann-Operation. „Die Trump-Regierung ist eine sehr seltsame Regierung. Sie ist keine Regierung, sondern ein Mann, und die Regierung tut, was dieser Mann will. Die normale Art, diesen Mann zu beeinflussen, existiert nicht“, so Daalder. Seine Äußerungen kommen vor dem Hintergrund eskalierender Spannungen über die US-Politik gegenüber Iran, Handelskonflikte und europäische Sicherheitsbedenken.
Hintergrund: Ein historischer Bruch in den NATO-Beziehungen
Daalder, der von 2009 bis 2013 unter Präsident Barack Obama US-Ständiger Vertreter bei der NATO war, bezeichnete Trumps Iran-Politik als „eine der dümmsten Handlungen Amerikas seit dem Zweiten Weltkrieg“ und „einen unglaublichen Fehler“. Er stellte fest, dass zum ersten Mal in der 80-jährigen NATO-Geschichte ein europäisches Land sich weigerte, US-Stützpunkte für eine Militäroperation nutzen zu lassen – ein grundlegender Bruch. Die transatlantische Allianz unter Trump steht unter beispiellosem Druck, und europäische Führungskräfte stellen zunehmend die Verlässlichkeit Washingtons in Frage.
Europäisierung der NATO: Europa muss sich mehr engagieren
Verantwortung ohne Amerika übernehmen
Daalder argumentiert, dass der wichtigste Schritt für Europa darin besteht, mehr Verantwortung für seine eigene Sicherheit zu übernehmen – „nicht gegen Amerika, sondern ohne Amerika.“ Das bedeutet die Europäisierung der NATO, ein Schritt, der seiner Meinung nach vor 25 Jahren hätte erfolgen sollen. Er erinnerte an ein Gespräch mit dem früheren US-Verteidigungsminister Robert Gates, der warnte, dass eine Generation von Amerikanern heranwächst, die „nicht mehr an das Bündnis glaubt“ wie ihre Vorgänger. Europa habe nicht auf diese Warnung reagiert, und das Ergebnis sei ein verärgertes Amerika, das zu Unrecht glaubt, dass Europäer nicht zur Stelle seien, wenn Washington sie brauche.
Was Europa nicht tun sollte
Laut Daalder sollte Europa das Rad nicht neu erfinden, indem es eine separate europäische Armee aufstellt. Die NATO-Infrastruktur existiert bereits, und der Aufbau einer neuen Streitmacht würde enorme Zeit und Ressourcen kosten. Stattdessen sollte Europa sich darauf konzentrieren, seine Rolle innerhalb des bestehenden Bündnisses zu stärken und gleichzeitig rote Linien zu ziehen – bei Themen wie Grönland oder der Teilnahme am illegalen Krieg gegen Iran. Europa muss seinen eigenen Weg gehen, aber offen bleiben für einen US-Partner, der bereit ist, mitzugehen.
Klima und Technologie: Europa muss eigene Wege gehen
Daalder ist auch in der Klimapolitik deutlich. Wenn Amerikaner den Klimawandel als Schwindel bezeichnen und Windkraftanlagen ablehnen, sei das in Ordnung – solange Europa seine eigenen Klimabemühungen fortsetzt, ohne von China abhängig zu werden. Gleiches gilt für die Technologie. Daalder warnt, dass große Technologieunternehmen im Wesentlichen die US-Regierung übernommen haben. „Dies ist die wichtigste technologische Revolution, wahrscheinlich in unserer Geschichte. Und zuzulassen, dass sie von Menschen bestimmt wird, die grundsätzlich an Geld interessiert sind, ist nicht der richtige Weg“, sagte er. Die EU-KI-Regulierung und digitale Souveränität ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber Europa muss mehr tun.
ASML und DigiD: Rote Linien für Europa
Daalder nennt zwei konkrete Fälle, in denen Europa standhaft bleiben muss. Erstens: Die Vorstellung, dass ASML – ein niederländischer Halbleiterausrüster – von der US-Technologiepolitik kontrolliert werden sollte, ist inakzeptabel. Zweitens: Die Niederlande sollten die Bedenken des US-Botschafters ignorieren, eine Übernahme zu blockieren, die das niederländische digitale Identitätssystem (DigiD) in amerikanische Hände bringen würde. „Aus US-Sicht macht das Sinn. Aus niederländischer oder europäischer Sicht nicht“, so Daalder. Er ist überzeugt, dass eine überwältigende Mehrheit der niederländischen und europäischen Bürger einen solchen Schritt befürwortet.
Auswirkungen und Konsequenzen für Europa
Daalder warnt, dass Trumps Zwangsdiplomatie – mit der Drohung, US-Truppen aus Europa abzuziehen, wenn Washington in Technologiefragen nicht seinen Willen bekommt – kontraproduktiv ist. „Diese Truppen sind nicht dort, weil Sie ein Technologieabkommen wollen. Diese Truppen sind dort für Ihre Sicherheit. Aber leider denkt dieser Präsident nicht so“, sagte er. Die europäische Verteidigungsautonomie und NATO-Zukunft ist nun eine drängende Realität. Daalders Rat an europäische Führungskräfte angesichts von Trumps Tiraden auf Truth Social: ignorieren Sie sie. „Dieser Mann sagt alle fünf Minuten Unsinn.“
Letztlich glaubt Daalder, dass Trump vorübergehend ist, aber die transatlantische Beziehung nicht. Europa muss mehr Verantwortung übernehmen, die Abhängigkeit von den USA verringern und die Tür für Washington offen halten. Die Nachkriegsordnung mag zerbrochen sein, aber eine neue, ausgewogenere Partnerschaft kann entstehen – wenn Europa den Mut hat, zu führen.
Häufig gestellte Fragen
Was sagte Ivo Daalder über die Trump-Regierung?
Daalder sagte, die Trump-Regierung sei keine echte Regierung, sondern eine Ein-Mann-Operation, bei der die Launen des Präsidenten die Politik bestimmen, was traditionelle diplomatische Einflussnahme unmöglich mache.
Was ist die Europäisierung der NATO?
Europäisierung der NATO bedeutet, dass Europa mehr Verantwortung für seine eigene Verteidigung innerhalb des Bündnisses übernimmt und die Abhängigkeit von den USA verringert, während die bestehende NATO-Infrastruktur erhalten bleibt.
Warum nannte Daalder Trumps Iran-Politik einen Fehler?
Daalder bezeichnete sie als eine der dümmsten US-Aktionen seit dem Zweiten Weltkrieg, weil sie das Völkerrecht verletze, Verbündete entfremde und Amerikas Position strategisch schwäche.
Sollte Europa eine eigene Armee aufstellen?
Nein, laut Daalder. Europa sollte die bestehende NATO-Infrastruktur nutzen, anstatt Zeit und Ressourcen für den Aufbau einer separaten Streitmacht zu verschwenden.
Wie sollte Europa auf Trumps Drohungen reagieren?
Daalder rät Europa, rote Linien zu ziehen, einen eigenen Kurs in Klima- und Technologiefragen zu verfolgen, Trumps Social-Media-Ausbrüche zu ignorieren und die Tür für eine künftige US-Regierung offen zu halten.
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