Europäische Autoindustrie vor existenzieller Herausforderung

Europäische Autobauer stehen unter Druck durch chinesische EV-Hersteller, die trotz Zöllen Marktanteile gewinnen. Die EU wechselt zu Mindestpreisverpflichtungen, während die deutsche Autoindustrie sowohl im Inland als auch in China kämpft.

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Europäische Autoindustrie vor existenzieller Herausforderung

Die europäische Automobilbranche, einst der unbestrittene Weltmarktführer, steht an einem kritischen Wendepunkt, während chinesische Hersteller von Elektrofahrzeugen (EVs) auf dem Kontinent rasch Marktanteile gewinnen. Was als ein Rinnsal erschwinglicher Elektroautos begann, hat sich zu einer Flutwelle entwickelt. Marken wie BYD, Geely und SAIC erobern trotz bestehender Handelsbarrieren erhebliche Teile des europäischen Marktes.

Das Zolldilemma: Mindestpreise statt Strafzölle

In einer bedeutenden politischen Wende ist die Europäische Kommission von der Verhängung von Strafzöllen auf die Festlegung von Mindestpreisverpflichtungen für chinesische Elektroautos umgeschwenkt. Die EU hatte zuvor Zölle von bis zu 35,3 % auf chinesische Elektrofahrzeuge verhängt, nachdem eine Antisubventionsuntersuchung zu dem Schluss kam, dass chinesische Hersteller von unfairen staatlichen Beihilfen profitiert hatten. 'Das veröffentlichte Dokument diente als Leitfaden für chinesische Exporteure, die möglicherweise Preisverpflichtungsvorschläge einreichen möchten,' sagte Kommissionssprecher Olof Gill.

Gemäß den neuen, letzte Woche veröffentlichten Leitlinien können chinesische Hersteller diese Zölle vermeiden, indem sie sich zu Mindestpreisen für ihre in Europa verkauften Fahrzeuge verpflichten. Die Kommission hat bereits ein solches Angebot erhalten, obwohl die Details vertraulich bleiben. Dieser Ansatz stellt einen schwierigen Balanceakt zwischen dem Schutz der europäischen Industrie und der Vermeidung eines vollständigen Handelskriegs mit China dar.

Deutsche Autoangst: Vom Machtzentrum in Gefahr

Deutschland, das Herz der europäischen Autoindustrie, steht vor besonders akuten Herausforderungen. Während sich der EV-Absatz in Deutschland 2025 mit einem Anstieg von 43,2 % auf 545.142 Fahrzeuge stark erholte, verzeichneten chinesische Hersteller ausgehend von einem niedrigen Niveau dramatische Fortschritte. BYD steigerte seinen deutschen Absatz um über 700 % auf mehr als 23.000 Autos, was 0,8 % des Gesamtmarktes entspricht.

'Internationale Fahrzeughersteller mit erschwinglichen batterieelektrischen Fahrzeugen und Plug-in-Hybriden haben überproportional zum Wachstum in diesen Segmenten beigetragen,' bemerkte Imelda Labbé, Chefin des deutschen Lobbyverbands für ausländische Automarken VDIK.

Unterdessen verlieren deutsche Hersteller im für sie entscheidenden Markt China selbst an Boden. Volkswagen meldete für 2025 einen Umsatzrückgang von 8 %, Mercedes-Benz verzeichnete einen Rückgang von 19 % und BMW verkaufte auf dem wichtigen chinesischen Markt 12,5 % weniger Autos. Da deutsche Autohersteller etwa 30 % ihrer Fahrzeuge in China verkaufen, bedeutet dies einen doppelten Druck.

Jobverluste nehmen auf dem gesamten Kontinent zu

Die menschlichen Kosten dieses Wandels werden immer deutlicher. Laut der EU-Forschungsagentur Eurofound bietet die Automobilindustrie in der EU direkt etwa 6 Millionen Arbeitnehmern Beschäftigung, mit weiteren 6 Millionen in verwandten Sektoren. Seit 2019 hat sich der Arbeitsplatzabbau dramatisch beschleunigt, wobei allein in den Jahren 2024 und Anfang 2025 etwa 100.000 Entlassungen von europäischen Unternehmen angekündigt wurden.

Der renommierte deutsche Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center Automotive Research (CAR), bleibt skeptisch gegenüber der Wirksamkeit von Mindestpreisen. 'Angesichts des derzeitigen Preisniveaus in Europa sollte es für chinesische Hersteller immer noch erheblichen Spielraum geben, die Preise zu senken,' warnte er.

Rückzug der grünen Politik: Die 2035-Verbrennungsmotor-Kehrtwende

Neben der industriellen Unsicherheit hat die EU ihre ehrgeizigen Klimaziele für den Automobilsektor erheblich revidiert. Das zuvor angekündigte Verbot für neue Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor ab 2035 wurde auf ein Emissionsreduktionsziel von 90 % zurückgeschraubt, wobei die verbleibende 10 %-Lücke durch verschiedene Mittel ausgeglichen werden darf.

Diese politische Kehrtwende hat Kritik von Umweltaktivisten und Branchenverbänden gleichermaßen hervorgerufen. 'In Zeiten zunehmenden internationalen Wettbewerbs, in Zeiten, in denen europäische Wirtschaftskraft entscheidend ist, ist dieses Gesamtpaket aus Brüssel desaströs,' sagte Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA).

Der Dominoeffekt

Die Auswirkungen reichen über die großen Hersteller hinaus und erfassen das gesamte automotiven Ökosystem. Länder wie Bulgarien, die wichtige Zulieferer von Automobilkomponenten für europäische Hersteller geworden sind, sind indirekt dem EU-China-Handelsstreit ausgesetzt. Der Sektor generiert für Bulgarien einen Jahresumsatz von fast 11 Milliarden Euro und ist damit einer der stärksten Industriezweige des Landes.

Dudenhöffers Prognose bleibt düster: 'Wachstum findet in Asien statt, und asiatische Autohersteller (Japan, Korea, China) dominieren das Autogeschäft zunehmend.' Er erwartet, dass der europäische Automobilsektor in den kommenden Jahren schrumpfen wird, während die Produktion in die USA und nach Asien verlagert wird.

Die europäische Autoindustrie steht an einem entscheidenden Punkt, gefangen zwischen aggressivem chinesischem Wettbewerb, sich wandelnder Umweltpolitik und der dringenden Notwendigkeit, ihr Geschäftsmodell zu transformieren. Wie europäische Autobauer diesen Herausforderungen begegnen, wird nicht nur ihre eigene Zukunft bestimmen, sondern auch die von Millionen Arbeitnehmern auf dem gesamten Kontinent.

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