Der tschechische Präsident Petr Pavel hat eine Verfassungsbeschwerde beim Verfassungsgericht eingereicht, nachdem die Regierung von Premierminister Andrej Babiš ihn von der offiziellen tschechischen Delegation zum bevorstehenden NATO-Gipfel in Ankara, Türkei (7.–8. Juli 2026), ausgeschlossen hat. Dieser Schritt verschärft einen erbitterten Machtkampf zwischen den beiden Spitzenpolitikern über außenpolitische Vertretung und Verteidigungsausgaben.
Worum geht es bei dem Streit?
Die Regierung unter Babiš (ANO) gab am 22. Juni bekannt, dass die Delegation aus Babiš, dem Verteidigungsminister und dem Außenminister bestehen werde – ohne Präsident Pavel. Pavel, ein ehemaliger Vier-Sterne-General und Vorsitzender des NATO-Militärausschusses (2015–2018), hat seit seinem Amtsantritt 2023 an jedem NATO-Gipfel teilgenommen. Der Ausschluss bricht mit einer langen Tradition: Seit dem NATO-Beitritt Tschechiens 1999 führte der Präsident die Delegation bei 19 von 20 Gipfeln an; nur einmal fehlte er aus gesundheitlichen Gründen. Pavel bezeichnete den Schritt als „beispiellos und höchst bedauerlich“ und argumentiert, dass die Vertretung des Landes bei NATO-Gipfeln zu seinen verfassungsmäßigen Befugnissen als Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaber der Streitkräfte gehöre. Die tschechische Verfassungskrise liegt nun beim Verfassungsgericht, das die Beschwerde priorisiert behandeln will, eine Entscheidung vor dem Gipfel ist jedoch ungewiss.
Hintergrund: Pavel vs. Babiš – eine sich vertiefende Rivalität
Der Konflikt schwelt seit Pavels Wahlsieg gegen Babiš bei der Präsidentschaftswahl 2023. Babiš kehrte im Dezember 2025 an die Macht zurück, nachdem seine ANO die Wahl im Oktober 2025 gewonnen hatte. Seine Koalition umfasst die rechtsextreme SPD und die Partei Motoristen für sich selbst. Ihre Rivalität zeigt sich auch in grundlegenden politischen Differenzen: Pavel ist ein überzeugter Atlantiker, der robuste Unterstützung für die Ukraine und höhere Verteidigungsausgaben fordert, während Babiš für reduzierte Klimaverpflichtungen und weniger Hilfe für Kiew eintrat. Der Streit um tschechische Militärhilfe für die Ukraine war ein wiederkehrender Konfliktpunkt.
Verteidigungsausgaben: Ein Kernproblem
Im Zentrum des Streits steht Tschechiens Verfehlung des NATO-Ziels von 2% des BIP für Verteidigungsausgaben. Der Haushalt 2026 sieht nur 1,7% vor – etwa 155 Milliarden Kronen (7,4 Mrd. USD). Pavel, der die NATO-Reaktion auf die russische Annexion der Krim 2014 leitete, drängt auf höhere Ausgaben. Babiš hingegen verweist auf konkurrierende Prioritäten wie Gesundheit und das geerbte Haushaltsdefizit. Er argumentiert, dass er und seine Minister die Verteidigungsausgaben gegenüber US-Präsident Donald Trump und anderen NATO-Führern besser erklären könnten. Eine Umfrage zeigt, dass 57% der Tschechen Babiš als Vertreter beim Gipfel bevorzugen, gegenüber 47% für Pavel.
Rechtliche Auseinandersetzung vor dem Verfassungsgericht
Pavel hat eine sogenannte Kompetenzklage beim Verfassungsgericht eingereicht. Die tschechische Verfassung gibt dem Präsidenten die Befugnis, das Land im Ausland zu vertreten, überlässt der Regierung jedoch die exekutive Außenpolitik. Diese Unklarheit wurde nie gerichtlich geklärt. Pavels Anwälte argumentieren, dass die Regierungsentscheidung dem Präsidenten administrative Hindernisse schaffe. Das Gericht bestätigte den Eingang der Klage und will sie priorisieren, aber Experten bezweifeln eine Entscheidung vor dem Gipfel. Die Befugnisse des tschechischen Verfassungsgerichts in außenpolitischen Streitigkeiten sind weitgehend ungetestet, was diesen Fall zu einem Präzedenzfall macht.
Auswirkungen auf die NATO und die Tschechische Republik
Der Streit erregt internationale Aufmerksamkeit, da der Gipfel in Ankara über Verteidigungsausgaben, den Ukraine-Krieg und die Sicherheitslage berät. Sollte Pavel ausgeschlossen werden, wäre es das erste Mal aus politischen Gründen, dass ein tschechischer Präsident einen NATO-Gipfel verpasst – eine mögliche Peinlichkeit für das Land. Pavel gilt als glaubwürdige Stimme in Sicherheitsfragen. Babiš hingegen kann direkt auf Kritik an den niedrigen Verteidigungsausgaben antworten. Die USA drängen auf Erfüllung des 2%-Ziels, und Trump hat eine Anhebung auf 5% vorgeschlagen.
FAQ
Warum schloss die Regierung Präsident Pavel vom NATO-Gipfel aus?
Die Regierung unter Babís argumentiert, dass sie für die Außenpolitik zuständig ist und die Verteidigungsausgaben erklären muss. Babiš will persönlich darlegen, warum Tschechien das 2%-Ziel verfehlt.
Welche rechtlichen Schritte hat Pavel unternommen?
Pavel reichte am 23. Juni 2026 eine Kompetenzklage beim Verfassungsgericht ein. Das Gericht priorisiert den Fall, wird aber wohl nicht vor dem Gipfel entscheiden.
Wurde ein tschechischer Präsident schon einmal von einem NATO-Gipfel ausgeschlossen?
Ja, aber nur einmal aus gesundheitlichen Gründen. Seit 1999 führte der Präsident die Delegation bei 19 von 20 Gipfeln an. Pavels Ausschluss wäre der erste aus politischen Gründen.
Was ist das Problem mit den Verteidigungsausgaben?
Tschechien gab 2026 nur 1,7% des BIP für Verteidigung aus, unter dem NATO-Ziel von 2%. Pavel befürwortet höhere Ausgaben, Babiš priorisiert innenpolitische Ausgaben.
Könnte das Urteil des Verfassungsgerichts die tschechische Außenpolitik beeinflussen?
Ja. Der Fall ist ein Präzedenzfall für das Gleichgewicht zwischen Präsident und Regierung in der Außenpolitik. Ein Urteil zugunsten Pavels würde die präsidiale Rolle stärken, eine Ablehnung die Regierungsdominanz.
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