Japan lockert Überstundenregeln trotz Arbeitskräftemangel – Karoshi-Ängste kehren zurück
Die japanische Regierung hat eine weitreichende Lockerung der Arbeitsvorschriften angekündigt, um der wachsenden Arbeitskrise zu begegnen. Der Plan, das 'discretionäre Arbeitssystem' auszuweiten, hat heftige Debatten ausgelöst. Experten warnen vor einer Umkehr der hart erkämpften Schutzmaßnahmen gegen Karoshi – Tod durch Überarbeitung. 2024 registrierte Japan offiziell 159 Todesfälle und Selbstmorde im Zusammenhang mit Überarbeitung, die tatsächliche Zahl dürfte weit höher liegen.
Was ist das diskretionäre Arbeitssystem?
Das diskretionäre Arbeitssystem (saiteki rōdōsei) erlaubt Unternehmen, Arbeitnehmer nach angenommener Leistung statt nach tatsächlicher Arbeitszeit zu bezahlen. Bisher auf bestimmte Angestellte beschränkt, will die Regierung es auf weitere Sektoren ausdehnen. Befürworter sehen darin mehr Flexibilität, Gegner eine Lizenz zur Ausbeutung. 'Es wird als mehr Freiheit für Arbeitnehmer dargestellt, aber die meisten haben keine Kontrolle über ihre Arbeitslast', sagte Rei Seiyama, Arbeitsmarktexperte der Ibaraki-Universität. Die Karoshi-Krise in Japan hat tiefe Wurzeln. Der Begriff entstand in den 1970er Jahren, als Todesfälle durch Herzinfarkte, Schlaganfälle und Selbstmorde – Karōjisatsu – epidemisch wurden.
Aktuelle Überstundengrenzen: Streng auf dem Papier, lax in der Praxis
Das Arbeitsstilreformgesetz von 2019 führte erstmals nationale Obergrenzen ein: 45 Stunden pro Monat, 360 Stunden pro Jahr. Doch Ausnahmen erlauben bis zu 100 Stunden im Monat oder durchschnittlich 80 Stunden über mehrere Monate – bis zu 720 Stunden jährlich. 'Das ist die Schwelle, ab der das Karoshi-Risiko steigt', so Seiyama. Zum Vergleich: Jeder fünfte japanische Mann arbeitet über 49 Stunden pro Woche, in den Niederlanden weniger als jeder zehnte.
Warum werden Regeln so leicht umgangen?
Untererfassung ist weit verbreitet. 'Es gibt oft eine große Lücke zwischen gemeldeten und tatsächlichen Arbeitsstunden', erklärte Seiyama. Unternehmen setzen Mitarbeiter unter Druck, weniger Stunden zu melden, und Arbeitsinspektionen sind unterfinanziert. Im Fall Dentsu stritt das Unternehmen extreme Überstunden ab, bis ein Gericht die Herausgabe der echten Arbeitsprotokolle anordnete. Anders als die EU hat Japan keine verbindliche Ruhezeit von 11 Stunden zwischen Arbeitstagen.
Wirtschaftlicher Druck treibt Deregulierung
Japans Arbeitskräftemangel ist akut. Die Bevölkerung schrumpft seit über einem Jahrzehnt. Unternehmensverbände drängen auf Deregulierung; fast 90 % der großen Firmenchefs wollen das diskretionäre Arbeitssystem ausweiten. Premierministerin Sanae Takaichi macht Arbeitsflexibilität zu einem Kernpunkt ihrer Wirtschaftsagenda. Sie forderte Arbeiter bereits auf, 'zu arbeiten, zu arbeiten, zu arbeiten, zu arbeiten und zu arbeiten'. Im Januar 2026 ordnete sie Gespräche zur weiteren Lockerung der Arbeitszeitgrenzen an. 'Unter diskretionärer Bezahlung bleibt das Gehalt gleich, unabhängig von den Arbeitsstunden', bemerkte Seiyama. 'Unternehmen haben weniger Grund, Überstunden zu begrenzen.' Dieser Arbeitskräftemangel in Japan ist nicht nur demografisch, sondern auch strukturell bedingt.
Auswirkungen auf Arbeiter und Familien
2025 erkannte Japan einen Rekord von 1.304 überarbeitungsbedingten Fällen an, darunter 1.055 psychische Störungen und 88 Selbstmorde. Die Dunkelziffer ist vermutlich weit höher. Yukimi Takahashi, deren Tochter Matsuri 2015 nach 105 Überstunden pro Monat starb, fürchtet, dass ihr Tod vergessen wird. Sie wischte den Grabstein ihrer Tochter und sagte: 'Bitte werfen Sie unser Leben nicht weg. Das möchte ich der Premierministerin sagen.'
Was kann getan werden?
- Verbindliche Ruhezeiten: Mindestens 11 Stunden Pause zwischen Arbeitstagen, wie in der EU.
- Stärkere Durchsetzung: Echtzeit-Digitalaufzeichnung der Arbeitszeiten mit Strafen für Fälschung.
- Bindende Überstundenobergrenzen: Senkung des rechtlichen Maximums von 100 auf 60 Stunden pro Monat.
- Arbeitnehmervertretung: Stärkung von Gewerkschaften und Betriebsräten.
- Psychische Gesundheitsunterstützung: Pflichtberatung und Stresschecks für Hochrisikoberufe.
Ohne solche Sicherungen riskiert die Karoshi-Präventionspolitik 2025 eine hohle Versprechung zu bleiben. Japan muss entscheiden, ob es wirtschaftliche Produktivität über das Leben seiner Arbeiter stellt.
Häufig gestellte Fragen
Was ist Karoshi?
Karoshi ist der japanische Begriff für Tod durch Überarbeitung, meist durch stressbedingte Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Selbstmord (Karōjisatsu).
Wie viele Menschen sterben in Japan an Karoshi?
2024 erkannte die Regierung offiziell 159 Todesfälle an, die tatsächliche Zahl dürfte weit höher sein. 2025 wurden über 1.300 überarbeitungsbedingte Fälle zertifiziert.
Was ist das diskretionäre Arbeitssystem?
Ein Bezahlmodell, bei dem Arbeitnehmer ein fixes Gehalt basierend auf angenommener Leistung statt tatsächlicher Arbeitszeit erhalten. Die Ausweitung soll unbezahlte Überstunden fördern.
Welche Überstundengrenzen gelten in Japan?
Die gesetzliche Obergrenze liegt bei 45 Stunden pro Monat und 360 Stunden pro Jahr, Ausnahmen erlauben bis zu 100 Stunden monatlich und 720 Stunden jährlich – die sogenannte Karoshi-Linie.
Wie schneidet Japan im Vergleich zu Europa ab?
Die EU schreibt eine tägliche Ruhezeit von mindestens 11 Stunden und eine maximale 48-Stunden-Woche vor. Japan hat keine verbindliche Ruhezeit und erlaubt weit mehr Überstunden.
Quellen
NOS: Overwerk als oplossing voor arbeidstekort, Japan kiest voor soepelere regels
East Asia Forum: Japan's workhorse prime minister tests labour limits
This is Japan: Karoshi — Understanding Japan's Overwork Death Crisis
MHLW: 2025 White Paper on Measures to Prevent Karoshi
Wikipedia: Karoshi
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