Belgien kehrt Atomausstieg mit historischer Verstaatlichung um
In einer dramatischen Kehrtwende hat Belgien die Verstaatlichung aller sieben Atomreaktoren von Engie angekündigt, alle Stilllegungsarbeiten gestoppt und plant die Wiederinbetriebnahme kürzlich geschlossener Einheiten. Premierminister Bart De Wever bestätigte am 30. April 2026, dass die Regierung exklusive Verhandlungen mit Engie über eine vollständige Übernahme der Atomflotte aufgenommen hat, einschließlich der Kraftwerke Doel und Tihange, mit dem Ziel einer Einigung bis zum 1. Oktober 2026.
Dieser Schritt markiert das Ende des zwei Jahrzehnte währenden Atomausstiegs Belgiens, der im Mai 2025 vom Parlament formell aufgehoben wurde. Belgien reiht sich nun in eine wachsende Liste europäischer Länder ein, die Atomkraft als Grundpfeiler der Energiesicherheit und Klimaziele neu bewerten. Die europäische Atomkraftrenaissance hat angesichts geopolitischer Spannungen und steigender Energiepreise an Fahrt gewonnen.
Was die Übernahme beinhaltet
Die Absichtserklärung zwischen dem belgischen Staat, ENGIE S.A. und Electrabel NV/SA umfasst den Erwerb aller sieben Druckwasserreaktoren: vier in Doel (Ostflandern) und drei in Tihange (Wallonien). Der Deal umfasst alle zugehörigen Mitarbeiter, Tochtergesellschaften, Vermögenswerte und Verbindlichkeiten – einschließlich der kostspieligen Stilllegungsverpflichtungen, die Engie zuvor eingeplant hatte. Derzeit sind nur noch zwei Reaktoren in Betrieb: Doel 4 und Tihange 3, deren Betriebsgenehmigungen kürzlich bis 2035 verlängert wurden. Die anderen fünf wurden zwischen 2022 und 2025 schrittweise abgeschaltet. Unter dem neuen Plan will die Regierung diese beiden Reaktoren über 2035 hinaus betreiben und die kürzlich geschlossenen Einheiten wieder hochfahren. Alle laufenden Rückbau- und Stilllegungsarbeiten wurden sofort gestoppt, um die Option einer Wiederinbetriebnahme offen zu halten.
Warum Belgien den Kurs änderte
Energiesicherheitskrise
Die Energiekrise 2022 nach Russlands Einmarsch in die Ukraine legte Belgiens Verwundbarkeit offen: Es wurde zum Nettoimporteur von Strom, nachdem es jahrelang Nettoexporteur war. Mit Strompreisen, die um über 50 % stiegen, und einer Inflation von 4 % im April 2026 wurde der Bedarf an erschwinglicher, heimisch kontrollierter Grundlast dringend. „Dies ist eine kohärente politische Vision für günstigere, zuverlässige Energie und strategische Autonomie“, sagte Energieminister Mathieu Bihet.
Wirtschaftliche Argumente
Laut einem Bericht der Radiant Energy Group könnte die Wiederinbetriebnahme kürzlich geschlossener Reaktoren wie Tihange 1 nur 350–500 Mio. € kosten und 1–2 Jahre dauern – weit weniger als die geschätzten 24 Mrd. € für neue Reaktoren. Die Wiederinbetriebnahme aller fünf geschlossenen Einheiten könnte insgesamt 3–4 Mrd. € kosten und bei wettbewerbsfähigen Strompreisen von ca. 65 €/MWh über zwanzig Jahre Einnahmen von etwa 60 Mrd. € generieren. Die wirtschaftlichen Vorteile der Kernenergie treiben ähnliche Kurswechsel in ganz Europa voran.
Politische und öffentliche Unterstützung
Das belgische Parlament stimmte am 15. Mai 2025 mit überwältigender Mehrheit (102 Ja, 8 Nein, 31 Enthaltungen) für die Aufhebung des Ausstiegsgesetzes von 2003. Die Arizona-Koalitionsregierung, die im Februar 2025 ohne grüne Parteien gebildet wurde, setzte die Aufhebung durch. Auch die öffentliche Meinung hat sich gewandelt: 71 % der Belgier unterstützen laut Umfragen die Verlängerung der Atomkraft. „Das ursprüngliche Ausstiegsgesetz war ein Irrweg, der nun der Geschichte angehört“, sagte Serge Dauby, Geschäftsführer des Belgischen Atomforums. Allerdings gibt es weiterhin Widerstand: Grüne Parteien kritisieren die unbekannten Kosten der Übernahme und mögliche Sicherheitsrisiken alternder Reaktoren. Die Sicherheit alternder Atomreaktoren bleibt ein umstrittenes Thema.
Technische Machbarkeit und Zeitplan
Experten sehen keine unüberwindbaren technischen Hürden für eine Wiederinbetriebnahme. Tihange 1, das 2023 abgeschaltet wurde, könnte innerhalb von ein bis zwei Jahren wieder ans Netz gehen. Die Regierung hat ein ehrgeiziges Ziel von 8 GW Kernkraftkapazität bis 2035 ausgegeben, gegenüber den derzeitigen ~2 GW aus den beiden Betriebseinheiten. Die Verhandlungen zwischen dem belgischen Staat und Engie sind in Phasen strukturiert:
- 30. April 2026: Absichtserklärung unterzeichnet, exklusive Verhandlungen beginnen
- Mai–September 2026: Due Diligence und Detailverhandlungen
- 1. Oktober 2026: Ziel für Eckpunktevereinbarung
- 2027–2028: Mögliche Wiederinbetriebnahme erster geschlossener Reaktoren
Häufig gestellte Fragen
Warum verstaatlicht Belgien seine Atomreaktoren?
Belgien will erschwingliche, zuverlässige und kohlenstoffarme Elektrizität sichern und die Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen verringern. Die Energiekrise 2022 und geopolitische Spannungen zeigten die Risiken von Energieimporten auf und führten zur Kehrtwende.
Wie viele Atomreaktoren hat Belgien?
Belgien hat sieben Reaktoren: vier in Doel und drei in Tihange. Derzeit sind nur Doel 4 und Tihange 3 in Betrieb (Genehmigung bis 2035). Die anderen fünf wurden zwischen 2022 und 2025 abgeschaltet.
Wie viel kostet die Übernahme?
Finanzielle Details wurden noch nicht bekannt gegeben. Die Wiederinbetriebnahme der fünf geschlossenen Reaktoren wird auf 3–4 Mrd. € geschätzt, weit weniger als der Neubau (24 Mrd. €). Der Transaktionswert wird während der Due Diligence ermittelt.
Ist es sicher, alte Reaktoren wieder in Betrieb zu nehmen?
Experten der Radiant Energy Group sehen keine unüberwindbaren technischen Hürden. Die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC wird vor jeder Wiederinbetriebnahme gründliche Sicherheitsprüfungen durchführen.
Wann werden die geschlossenen Reaktoren wieder anlaufen?
Wenn die Übernahme bis Oktober 2026 abgeschlossen wird, könnte der erste Reaktor (voraussichtlich Tihange 1) innerhalb von 1–2 Jahren, möglicherweise bis 2028, wieder ans Netz gehen.
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