Der globale Wettlauf um kritische Mineralien hat 2026 eine neue, intensivere Phase erreicht. Die USA, die EU und China konkurrieren um strategische Kontrolle über Lithium, Kobalt, Seltene Erden und Graphit. Eine Welle des Ressourcennationalismus ordnet die globalen Lieferketten grundlegend um, wobei Produktionsländer von Chile bis zur Demokratischen Republik Kongo (DRK) Verarbeitungsauflagen und Exportkontrollen einführen, um mehr Wertschöpfung zu erzielen. Das US-Ministerium für kritische Mineralien im Februar 2026, Chinas 15. Fünfjahresplan mit Prognosen, bis 2035 über 60 % des raffinierten Lithiums und Kobalts zu liefern, und die Schwierigkeiten der EU, die Finanzierung für ihre 60 strategischen Projekte nach dem Critical Raw Materials Act (CRMA) zu skalieren, machen dies zur strategisch dringlichsten Lieferkettengeschichte des Jahres.
Was treibt das Rennen um kritische Mineralien an?
Kritische Mineralien sind die Bausteine der Energiewende und moderner Technologien. Die IEA prognostiziert, dass die Lithiumnachfrage bis 2040 um das Fünffache steigen wird, während Kupfer ein Defizit von 30 % und Lithium ein Angebotsdefizit von 40 % aufweist, was geschätzte 500 Milliarden Dollar an Mineninvestitionen erfordert. Diese steigende Nachfrage hat kritische Mineralien von bloßen Rohstoffen zu strategischen Vermögenswerten gemacht und einen geopolitischen Wettstreit ausgelöst, den Analysten als strukturelle Verschiebung hin zum Ressourcennationalismus beschreiben. Die globalen Lieferketten der Energiewende stehen nun im Zentrum der Industriepolitik und nationalen Sicherheitsstrategien weltweit.
Ressourcennationalismus: Produktionsländer übernehmen die Kontrolle
Rohstoffreiche Nationen setzen zunehmend auf Souveränität über ihre Ressourcen. Indonesiens Verbot von Nickelrohexporten 2020 erzwang Investitionen von über 30 Milliarden Dollar in die heimische Verarbeitung und steigerte den Anteil an der globalen Nickelproduktion auf über 50 %. Die DRK stufte Kobalt 2018 als strategisches Mineral ein und erhöhte die Lizenzgebühren von 2 % auf 10 %. Chiles nationale Lithiumstrategie von 2023 verlangt mehrheitliche Staatskontrolle über neue Projekte. Simbabwe und Namibia verboten den Export von Rohlithium, und Mexiko verstaatlichte 2022 seine Lithiumreserven vollständig. Diese Politik zeigt einen strukturellen Wandel, bei dem produzierende Länder mehr Wert aus ihren Mineralvorkommen ziehen wollen. Die Geopolitik des Lithiumdreiecks in Südamerika veranschaulicht diesen Trend, da Regierungen Verträge neu verhandeln und lokale Verarbeitungsauflagen erlassen.
Exportkontrollen und Verarbeitungsauflagen
Exportbeschränkungen für unverarbeitete Erze sind zu einem Hauptinstrument des Ressourcennationalismus geworden. Laut OECD hat sich die Zahl der Exportkontrollmaßnahmen für kritische Mineralien seit 2020 verdreifacht. China, das etwa 70 % der weltweiten Verarbeitungskapazität für Seltene Erden und 60 % für Lithium und Kobalt kontrolliert, setzt seit 2023 Exportkontrollen für Gallium, Germanium und Graphit als strategisches Druckmittel ein. Der EU-Aktionsplan ReSourceEU von Anfang 2026 sieht Exportbeschränkungen für Schrott-Permanentmagnete und Aluminium sowie ein Verbot von Lithium-Ionen-Batterieabfallexporten in Nicht-OECD-Länder ab September 2026 vor.
Die US-Antwort: FORGE und bilaterale Beteiligungsabkommen
Die zweite Trump-Administration hat sich stark von multilateralen Ansätzen hin zu bilateralen Beteiligungsabkommen und Preisstützungsmechanismen bewegt. Am 4. Februar 2026 veranstaltete das US-Außenministerium das Ministerium für kritische Mineralien 2026, das 11 neue bilaterale Rahmenabkommen mit Ländern wie Argentinien, Marokko und den VAE hervorbrachte. Außenminister Marco Rubio kündigte die Schaffung von FORGE (Forum on Resource Geostrategic Engagement) als Nachfolger der Minerals Security Partnership an. FORGE, unter dem Vorsitz Südkoreas, zielt darauf ab, eine präferenzielle Handels- und Investitionszone für kritische Mineralien zu schaffen, die koordinierte Preisuntergrenzen umfasst. Die US-Regierung hat über 30 Milliarden Dollar an Krediten und Investitionen mobilisiert, darunter Project Vault – eine 10-Milliarden-Dollar-Initiative der EXIM zur Schaffung einer nationalen strategischen Reserve für kritische Mineralien. Die Strategie der US-amerikanischen strategischen Reserve für kritische Mineralien markiert eine Rückkehr zum Ressourcensicherheitsdenken des Kalten Krieges.
Die Schwierigkeiten der EU: Finanzierung des Critical Raw Materials Act
Der EU-Critical Raw Materials Act, der im Mai 2024 in Kraft trat, setzt ehrgeizige Ziele für 2030: mindestens 10 % des Bedarfs aus heimischer Förderung, 40 % Verarbeitung in der EU, 25 % aus Recycling und höchstens 65 % Abhängigkeit von einem einzelnen Land. Das Gesetz hat 60 strategische Projekte ausgewiesen – 47 in der EU und 13 in Drittländern. Die Finanzierung bleibt jedoch die Achillesferse. Die Europäische Kommission verabschiedete Anfang 2026 den Aktionsplan ReSourceEU und kündigte 3 Milliarden Euro (3,5 Milliarden Dollar) für das Jahr an – weit unter den geschätzten 200 Milliarden Euro, die zur Erreichung der Ziele bis 2030 benötigt werden. Die Europäische Investitionsbank (EIB) stellte 250 Millionen Euro für Vulcan Energys deutsches Lithiumprojekt bereit. Analysten argumentieren, dass der EU glaubwürdige Nachfragesignale wie Preisuntergrenzen fehlen, um private Investitionen in großem Maßstab zu mobilisieren. Die Herausforderungen bei der Umsetzung des EU-Critical Raw Materials Act verdeutlichen die Schwierigkeit, Lieferkettenresilienz ohne massive öffentliche Investitionen aufzubauen.
Chinas Dominanz und der 15. Fünfjahresplan
Chinas 15. Fünfjahresplan (2026–2030), der im März 2026 vereinbart wurde, stärkt Pekings strategischen Griff auf kritische Mineralien. Prognosen zeigen, dass China bis 2035 über 60 % des raffinierten Lithiums und Kobalts, 80 % des batteriegeeigneten Graphits und der Seltenen Erden sowie 70 % des batteriegeeigneten Mangans liefern wird. Der Plan betont die Steigerung der heimischen Produktion Selteer Erden und strategischer Metalle. China kontrolliert bereits etwa 85–90 % der Verarbeitung Seltener Erden und 70 % der weltweiten Verarbeitungskapazität für Batteriematerialien. Die Exportkontrollen für Gallium, Germanium und Graphit, die 2023 angekündigt und 2025 verschärft wurden, haben die globale Lieferketten erschüttert und demonstrieren Chinas Fähigkeit, seine Verarbeitungsdominanz als Waffe einzusetzen.
Auswirkungen auf Energiewende und industrielle Wettbewerbsfähigkeit
Der Wettlauf um kritische Mineralien hat tiefgreifende Auswirkungen auf das Tempo der Energiewende. Ohne diversifizierte und sichere Lieferketten drohen Verzögerungen bei EV-Produktionszielen, dem Ausbau erneuerbarer Energien und Modernisierungsprogrammen der Verteidigung. Die IEA warnt, dass Lithium- und Kupferangebotsdefizite die Einführung von EVs und Netzspeichern verlangsamen könnten. Die Risiken der Mineralienversorgung für die Energiewende sind nun ein Thema im Vorstand von Automobilherstellern, Batterieherstellern und Technologieunternehmen weltweit. Schwellenländer wie Saudi-Arabien und die VAE treten ebenfalls in den Wettbewerb ein und setzen Staatsfonds ein, um kritische Mineralien in Afrika und Lateinamerika zu sichern.
Expertenmeinungen
„Wir erleben einen strukturellen Wandel, bei dem strategische Bevorratung – einst ein Instrument des Krisenmanagements – nun ein Kernbestandteil der industriellen und geopolitischen Strategie ist“, sagte ein leitender Analyst von Chatham House. „Der EU fehlt die finanzielle Feuerkraft. Ohne glaubwürdige Nachfragesignale wie Preisuntergrenzen wird privates Kapital nicht in dem benötigten Umfang fließen“, bemerkte ein ODI-Forscher.
Häufig gestellte Fragen
Was sind kritische Mineralien?
Kritische Mineralien sind Rohstoffe, die für Energiewendetechnologien, Verteidigungssysteme und digitale Infrastruktur unerlässlich sind, darunter Lithium, Kobalt, Nickel, Graphit, Seltene Erden und Kupfer. Sie zeichnen sich durch hohe wirtschaftliche Bedeutung und Versorgungsrisiko aus.
Warum nimmt der Ressourcennationalismus zu?
Der Ressourcennationalismus nimmt zu, weil die Energiewende den strategischen Wert kritischer Mineralien drastisch erhöht hat. Produktionsländer versuchen, durch Exportkontrollen, Verarbeitungsauflagen und Staatseigentum mehr Wertschöpfung zu erzielen, ähnlich der erfolgreichen Nickelstrategie Indonesiens.
Was ist die US-Initiative FORGE?
FORGE (Forum on Resource Geostrategic Engagement) ist eine von den USA geführte plurilaterale Koalition, die im Februar 2026 gegründet wurde, um eine präferenzielle Handels- und Investitionszone für kritische Mineralien mit koordinierten Preisuntergrenzen und bilateralen Rahmenabkommen mit über 20 Ländern zu schaffen.
Wie reagiert die EU auf Versorgungsrisiken bei kritischen Mineralien?
Der EU-Critical Raw Materials Act (2024) setzt Ziele für 2030 in den Bereichen heimische Förderung, Verarbeitung und Recycling und hat 60 strategische Projekte ausgewiesen. Die Finanzierung bleibt jedoch eine Herausforderung: Für 2026 wurden nur 3 Milliarden Euro bereitgestellt, während ein Bedarf von geschätzt 200 Milliarden Euro besteht.
Welche Rolle spielt China in den Lieferketten für kritische Mineralien?
China dominiert die weltweite Verarbeitung und kontrolliert etwa 70 % der Kapazität für Seltene Erden und Lithium. Der 15. Fünfjahresplan (2026–2030) verstärkt diese Dominanz, mit Prognosen, bis 2035 über 60 % des raffinierten Lithiums und Kobalts zu liefern. Zudem setzt China Exportkontrollen für Gallium, Germanium und Graphit als geopolitisches Druckmittel ein.
Fazit: Ein prägender Wettkampf des Jahrzehnts
Der Wettlauf um kritische Mineralien wird zum prägenden wirtschaftlichen und geopolitischen Wettkampf der 2020er Jahre. Die USA, die EU und China verfolgen grundlegend unterschiedliche Strategien – bilaterale Beteiligungsabkommen, regulatorische Rahmenwerke und staatsgelenkte Dominanz – während Produktionsländer ihre Ressourcen nutzen, um mehr Wert zu schöpfen. Der Ausgang wird nicht nur das Tempo der Energiewende bestimmen, sondern auch das Gleichgewicht der industriellen Macht und der nationalen Sicherheit für Jahrzehnte.
Quellen
- US-Außenministerium: Ministerium für kritische Mineralien 2026
- Atlantic Council: US-Politik für kritische Mineralien wird mit FORGE kooperativ
- ODI: Geopolitik kritischer Mineralien 2026
- Europäische Kommission: Strategische Projekte unter dem CRMA
- Mining Magazine: EU gibt 2026 3 Mrd. Euro für kritische Rohstoffe aus
- Green Finance & Development Center: Analyse des 15. Fünfjahresplans Chinas
- Berkeley Political Review: Warum Länder die Kontrolle über kritische Mineralien zurückgewinnen
- Critical Strategic Metals: Übersicht über Ressourcennationalismus
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