Die Türkei hat offiziell eine Interpol-Red-Notice für den israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu und den Militärbeamten Afek Moskovitch beantragt. Ihnen werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord, Folter und die Entführung eines humanitären Hilfskonvois nach Gaza vorgeworfen. Die Ankündigung stammt vom türkischen Justizminister Akin Gürlek, der auf X schrieb, Ankara wolle Netanyahu für den Angriff auf die Global-Sumud-Flottille strafrechtlich verfolgen lassen.
Was ist eine Interpol-Red-Notice?
Eine Red Notice ist eine internationale Aufforderung an alle 196 Interpol-Mitgliedsländer, eine Person ausfindig zu machen und vorläufig festzunehmen, bis eine Auslieferung oder ähnliche rechtliche Schritte erfolgen. Sie ist kein internationaler Haftbefehl, aber das wirksamste Instrument der internationalen Polizeikooperation. Laut Interpol-Notice-Regeln prüft eine Sonderkommission jeden Antrag, um sicherzustellen, dass er mit der Verfassung übereinstimmt, die politisch motivierte Aktivitäten verbietet. Das internationales Haftbefehlverfahren ist hier entscheidend, da eine Red Notice nicht automatisch zu einer Inhaftierung führt.
Hintergrund: der Überfall auf die Global-Sumud-Flottille
Der Antrag bezieht sich auf die Abfangaktion gegen die Global-Sumud-Flottille im Mai 2026. Etwa 50 zivile Boote transportierten Lebensmittel und humanitäre Hilfe nach Gaza. Israelische Streitkräfte eröffneten das Feuer auf die Schiffe, enterten sie und nahmen Hunderte Aktivisten fest, darunter drei niederländische Staatsangehörige. Ein von Israels rechtsextremem Minister für nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir geteiltes Video zeigte Dutzende festgenommene Aktivisten kniend mit Kabelbindern gefesselt, während die israelische Nationalhymne abgespielt wurde und Ben-Gvir erklärte: „Willkommen in Israel.“
Die niederländischen Aktivisten kündigten später an, Beschwerden gegen israelische Soldaten wegen sexuellen Missbrauchs, Misshandlung, Demütigung und Folter einzureichen. Ihr Fall ist in einem Beschwerde niederländischer Aktivisten wegen sexueller Gewalt Bericht dokumentiert, der europaweit Aufmerksamkeit erregt hat.
Türkische Anschuldigungen und rechtliche Schritte
Die Türkei wirft Netanyahu und Moskovitch Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord, Folter und die Entführung von Transportfahrzeugen vor. Diese Vorwürfe sind Teil eines umfassenderen Verfahrens, in dem türkische Staatsanwälte bereits im April 2026 Anklage gegen Netanyahu und 35 weitere israelische Beamte erhoben und Haftstrafen von bis zu 4.596 Jahren forderten. Im November 2025 hatte die Türkei bereits nationale Haftbefehle gegen Netanyahu und 36 hochrangige Beamte, darunter Ben-Gvir und Verteidigungsminister Katz, erlassen.
- Verbrechen gegen die Menschlichkeit
- Völkermord
- Folter
- Entführung von Transportfahrzeugen
Die Rechtsgrundlage dieser Vorwürfe wird von Völkerrechtsexperten infrage gestellt, doch Ankara besteht darauf, die Verantwortlichen für die als israelische Staatsgewalt in Gaza bezeichneten Handlungen zur Rechenschaft zu ziehen.
Israels Reaktion und wachsende Spannungen
Israels Regierung wies den Antrag scharf zurück und nannte den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan einen „antisemitischen Diktator, der Kurden geschlachtet, Hamas-Terroristen beherbergt, die Hälfte Zyperns besetzt und eine Rekordzahl von Journalisten und Politikern inhaftiert.“ Die Erklärung unterstreicht die sich verschärfende Kluft zwischen beiden Ländern, die sich nach einem israelischen Luftangriff auf einen syrischen Luftwaffenstützpunkt Anfang der Woche weiter vertieft hat. Die Israel-Türkei-Beziehungen Krise geht inzwischen weit über diplomatische Rhetorik hinaus und beeinflusst Sicherheitskalkulationen im östlichen Mittelmeerraum.
Wie geht es weiter?
Interpol hat sich zu dem Antrag der Türkei noch nicht geäußert. Die Sonderkommission der Organisation wird prüfen, ob der Antrag rechtlichen Standards entspricht und keine politischen, militärischen, religiösen oder rassistischen Aktivitäten darstellt. Bei Genehmigung würden die Mitgliedstaaten gebeten, Netanyahu ausfindig zu machen und festzunehmen, wobei die Durchsetzung unterschiedlich ist und Staatsoberhäupter in der Praxis häufig diplomatische Immunität genießen.
Häufig gestellte Fragen
Was ist eine Interpol-Red-Notice?
Eine Red Notice fordert Strafverfolgungsbehörden weltweit auf, eine Person ausfindig zu machen und vorläufig festzunehmen, bis eine Auslieferung erfolgt. Sie ist kein internationaler Haftbefehl.
Warum will die Türkei Netanyahu verhaften lassen?
Die Türkei beschuldigt ihn des Verbrechens gegen die Menschlichkeit, des Völkermords, der Folter und der Entführung im Zusammenhang mit dem Überfall auf die Global-Sumud-Flottille im Mai 2026, die Hilfsgüter nach Gaza brachte.
Hat Interpol die Red Notice genehmigt?
Nein. Interpol hat sich nicht geäußert und muss den Antrag zunächst durch seine Sonderkommission prüfen lassen.
Was war die Global-Sumud-Flottille?
Ein Konvoi von etwa 50 zivilen Booten, der trotz der israelischen Seeblockade Lebensmittel und humanitäre Hilfe nach Gaza liefern wollte.
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