Globales Steuerabkommen vor entscheidender Phase: Digitale Umsetzung stockt

Die weltweite Steuerumsetzung schreitet voran: Die Mindeststeuerregeln von Säule Zwei sind in über 65 Ländern aktiv, während die digitale Ertragsverteilung von Säule Eins auf Verzögerungen stößt. Die fehlende Beteiligung der USA schafft Lücken im Rahmenwerk.

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Weltweite Steuerverhandlungen erreichen entscheidenden Punkt vor Frist zur Umsetzung

Das internationale Steuerrecht erlebt die bedeutendste Transformation seit Jahrzehnten, während Länder weltweit mit der Umsetzung des OECD-Zweisäulen-Abkommens zur globalen Besteuerung ringen. Während die Mindeststeuerregeln der Säule Zwei in vielen Rechtsgebieten bereits in Kraft sind und die digitale Ertragsverteilung der Säule Eins weiterhin auf sich warten lässt, steht die Weltgemeinschaft an einem Scheideweg zwischen Ambition und praktischer Umsetzung.

Der Zwei-Säulen-Rahmen: Eine kurze Auffrischung

Das bahnbrechende Abkommen, das im Rahmen des OECD/G20 Inclusive Framework ausgehandelt wurde, besteht aus zwei Hauptkomponenten. Säule Eins zielt darauf ab, Besteuerungsrechte auf Marktrechtsgebiete umzuverteilen, in denen sich Kunden befinden. Dies betrifft Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 20 Milliarden Euro und einer Gewinnmarge von über 10%. Säule Zwei legt einen globalen Mindeststeuersatz (Effective Tax Rate, ETR) von 15% für multinationale Konzerne mit einem Umsatz von mehr als 750 Millionen Euro fest.

Laut einer Analyse der Tax Foundation begann die Umsetzung von Säule Zwei im Jahr 2024 mit der Income Inclusion Rule (IIR), die für viele multinationale Unternehmen bereits gilt. Die komplexeren Verhandlungen zu Säule Eins hingegen sind nach der Frist im Juni 2024 ins Stocken geraten. Diese Verzögerung erklärt, warum viele Länder ihre einseitigen Digitalen Dienstleistungssteuern (Digital Services Taxes, DSTs) weiterhin aufrechterhalten.

Umsetzungszeitplan: Wo wir im Jahr 2026 stehen

Ab Januar 2026 zeigt das Umsetzungsbild ein zweigeteiltes Bild. Der globale Mindeststeuerrahmen der Säule Zwei hat eine erhebliche Verbreitung erfahren. Laut Reuters-Berichten hatten bis August 2025 bereits 65 Länder entsprechende Gesetze verabschiedet. Die Europäische Union hat die Umsetzung für ihre Mitgliedstaaten verpflichtend gemacht, auch wenn einige kleinere Länder Aufschuboptionen erhalten haben.

Die Undertaxed Profits Rule (UTPR), eine wichtige Komponente von Säule Zwei, soll 2025 in Kraft treten und fügt der Steuerplanung von Unternehmen eine weitere Ebene an Komplexität hinzu. 'Die gestaffelte Umsetzung schafft sowohl Herausforderungen als auch Chancen für multinationale Unternehmen,' merkt ein leitender Steuerberater einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft an. 'Unternehmen müssen verschiedene Starttermine in verschiedenen Rechtsgebieten navigieren und gleichzeitig die Einhaltung sich entwickelnder Regeln sicherstellen.'

Säule Eins steht jedoch vor erheblichen Hindernissen. Ihre Umsetzung erfordert einen multilateralen Vertrag, der noch nicht abgeschlossen ist, was Unsicherheit für Unternehmen und Regierungen gleichermaßen schafft. Quellen von Legal Clarity deuten darauf hin, dass diese Verzögerung Länder wie Frankreich, das Vereinigte Königreich, Italien, Spanien, Indien und die Türkei dazu veranlasst hat, ihre einseitigen DSTs beizubehalten, die ursprünglich ab 2019 eingeführt wurden.

Länderpositionen: Ein fragmentiertes Bild

Die weltweite Reaktion auf das Steuerabkommen zeigt ein Spektrum an Ansätzen. Laut PwCs Säule-Zwei-Länder-Tracker haben sich mehr als 140 Länder zum Zwei-Säulen-Ansatz bekannt, aber die Umsetzung variiert stark. Die Vereinigten Staaten stellen einen besonders komplexen Fall dar, da sie das Abkommen nicht national ratifiziert haben. Der ehemalige Präsident Trump drohte sogar mit Vergeltungsmaßnahmen gegen Länder, die die Mindeststeuer auf US-Unternehmen anwenden.

'Die amerikanische Position schafft eine erhebliche Lücke im globalen Rahmenwerk,' erklärt ein OECD-Beamter, der anonym spricht. 'Ohne amerikanische Beteiligung wird die Wirksamkeit der Mindeststeuer beeinträchtigt, insbesondere für amerikanische Tech-Giganten, die die digitale Wirtschaft dominieren.'

Europäische Länder waren im Allgemeinen proaktiver, wobei viele die Regeln von Säule Zwei vor dem Zeitplan umgesetzt haben. Aber selbst innerhalb der EU entstehen Unterschiede darin, wie Länder mit inländischen Mindeststeuern und Compliance-Mechanismen umgehen.

Unternehmensauswirkungen und Compliance-Herausforderungen

Für multinationale Unternehmen stellt die sich entwickelnde Steuerlandschaft sowohl Risiken als auch Chancen dar. Deloittes Globaler Gesetzgebungstracker für Säule Zwei hebt hervor, wie Unternehmen nun Gesetze in über 50 Ländern überwachen müssen, jedes mit unterschiedlichen Umsetzungszeitplänen und Compliance-Anforderungen.

Der Compliance-Aufwand ist erheblich und erfordert neue Ansätze für Datenerfassung, Steuerberechnungsmethoden und Berichtssysteme. 'Wir sehen, dass Unternehmen Millionen in Steuertechnologie und Personal investieren, um diesen neuen Anforderungen gerecht zu werden,' sagt ein Deloitte-Steuerpartner. 'Die Komplexität ist beispiellos in der modernen Steuergeschichte.'

Digitale Plattformunternehmen stehen unter besonderer Beobachtung im Rahmen beider Säulen. Während Säule Zwei alle großen multinationalen Konzerne betrifft, zielt Säule Eins speziell auf digitale Unternehmen ab, was zusätzliche Unsicherheit für Tech-Giganten schafft, die auf Klarheit bei den Ertragsverteilungsregeln warten.

Der Weg nach vorn: Was 2026 und darüber hinaus zu erwarten ist

In die Zukunft blickend werden mehrere wichtige Entwicklungen die globale Steuerlandschaft prägen. Die Fertigstellung des multilateralen Vertrags für Säule Eins bleibt das kritischste offene Problem, wobei die Verhandlungen hinter verschlossenen Türen weitergehen. Darüber hinaus wird die vollständige Umsetzung der UTPR-Regeln im Jahr 2025 die Durchsetzungsmechanismen des Mindeststeuerrahmens auf die Probe stellen.

Entwicklungsländer setzen sich weiterhin für eine größere Vertretung im Entscheidungsprozess ein und argumentieren, dass der derzeitige Rahmen ihre Einnahmebedürfnisse nicht angemessen berücksichtigt. 'Die globale Steuerdebatte geht im Kern um Fairness,' bemerkt ein Vertreter des Finanzministeriums eines Entwicklungslandes. 'Wir brauchen Regeln, die die Realitäten der digitalen Wirtschaft anerkennen und sicherstellen, dass alle Länder von der Globalisierung profitieren.'

Während Unternehmen und Regierungen diesen komplexen Übergang bewältigen, bleibt eines klar: Die Ära der ungehinderten Steueroptimierung für multinationale Konzerne geht zu Ende. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob der Zwei-Säulen-Rahmen sein Versprechen eines gerechteren, stabileren internationalen Steuersystems einlösen kann oder ob Fragmentierung und einseitige Maßnahmen die Oberhand gewinnen.

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